ZEIT war das Thema des Salons am 22.08.2026
Mit welch anderem Text könnte ein Literarischer Salon zu ZEIT eröffnet werden als mit Thomas Manns Zauberberg? Im Vorwort zum Roman heißt es über die Geschichte, die er erzählt: »Es steht jedoch so mit ihr, wie es heute auch mit den Menschen und unter diesen nicht zum wenigsten mit den Geschichtenerzählern steht: sie ist viel älter als ihre Jahre, ihre Betagtheit ist nicht nach Tagen, das Alter, das auf ihr liegt, nicht nach Sonnenumläufen zu berechnen; mit einem Worte: sie verdankt den Grad ihres Vergangenseins nicht eigentlich der Zeit, – eine Aussage, womit auf die Fragwürdigkeit und eigentümliche Zwienatur dieses geheimnisvollen Elementes im Vorbeigehen angespielt und hingewiesen sei. … Im Handumdrehen also wird der Erzähler mit Hansens Geschichte nicht fertig werden. Die sieben Tage einer Woche werden dazu nicht reichen und auch sieben Monate nicht. Am besten ist es, er macht sich im voraus nicht klar, wieviel Erdenzeit ihm verstreichen wird, während sie ihn umsponnen hält. Es werden, in Gottes Namen, ja nicht geradezu sieben Jahre sein!
Und somit fangen wir an.«

Doch nicht aus dem Vorwort wurde im Salon gelesen, sondern aus der Episode, in der beschrieben wird, wie Hans Castorp in die Routine des Fiebermessens eingewiesen wird.
„Aber wie lange dauert denn das?“ fragte Hans Castorp und wandte sich um.
Joachim hob sieben Finger empor.
„Die müssen doch um sein – sieben Minuten!“
Joachim schüttelte den Kopf. Etwas später nahm er das Thermometer aus dem Mund, betrachtete es und sagte dabei:
„Ja, wenn man ihr aufpaßt, der Zeit, dann vergeht sie sehr langsam. Ich habe das Messen, viermal am Tage, ordentlich gern, weil man doch dabei merkt, was das eigentlich ist: eine Minute oder gar ganze sieben, – wo man sich hier die sieben Tage der Woche so gräßlich um die Ohren schlägt.“
„Du sagst ‚eigentlich‘. ‚Eigentlich‘ kannst du nicht sagen“, entgegnete Hans Castorp. Er saß mit einem Schenkel auf der Brüstung, und das Weiße seiner Augen war rot geädert. „Die Zeit ist doch überhaupt nicht ‚eigentlich‘. Wenn sie einem lang vorkommt, so ist sie lang, und wenn sie einem kurz vorkommt, so ist sie kurz, aber wie lang oder kurz sie in Wirklichkeit ist, das weiß doch niemand.“ Er war durchaus nicht gewohnt, zu philosophieren und fühlte dennoch den Drang dazu.
Joachim widersprach.
„Wieso denn. Nein. Wir messen sie doch. Wir haben doch Uhren und Kalender, und wenn ein Monat um ist, dann ist er für dich und mich und uns alle um.“
„Dann paß auf“, sagte Hans Castorp und hielt sogar den Zeigefinger neben seine trüben Augen. „Eine Minute ist also so lang, wie sie dir vorkommt, wenn du dich mißt?“
„Eine Minute ist so lang ... sie dauert so lange, wie der Sekundenzeiger braucht, um seinen Kreis zu beschreiben.“
„Aber er braucht ja ganz verschieden lange – für unser Gefühl! Und tatsächlich ... ich sage: tatsächlich genommen“, wiederholte Hans Castorp und drückte den Zeigefinger so fest gegen die Nase, daß er ihre Spitze vollständig umbog, „ist das eine Bewegung, eine räumliche Bewegung, nicht wahr? Halt, warte! Wir messen also die Zeit mit dem Raume. Aber das ist doch ebenso, als wollten wir den Raum an der Zeit messen, – was doch nur ganz unwissenschaftliche Leute tun. Von Hamburg nach Davos sind zwanzig Stunden, – ja, mit der Eisenbahn. Aber zu Fuß, wie lange ist es da? Und in Gedanken? Keine Sekunde!“
„Hör mal,“ sagte Joachim, „was hast du denn? Ich glaube, es greift dich an hier bei uns?“
„Sei still! Ich bin sehr scharf im Kopf heute. Was ist denn die Zeit?“ fragte Hans Castorp …

Es folgten eine Reihe von Texten, von denen hier nur einige vorgestellt werden sollen – z.B. das Gedicht von Christian Morgenstern mit dem Titel Die Zeit.
Es gibt ein sehr probates Mittel,
die Zeit zu halten am Schlawittel:
Man nimmt die Taschenuhr zur Hand
und folgt dem Zeiger unverwandt,
Sie geht so langsam dann, so brav
als wie ein wohlgezogen Schaf,
setzt Fuß vor Fuß so voll Manier
als wie ein Fräulein von Saint-Cyr.
Jedoch verträumst du dich ein Weilchen,
so rückt das züchtigliche Veilchen
mit Beinen wie der Vogel Strauß
und heimlich wie ein Puma aus.
Und wieder siehst du auf sie nieder;
ha, Elende! – Doch was ist das?
Unschuldig lächelnd macht sie wieder
die zierlichsten Sekunden-Pas.
Bekannt ist der Vers ›Ein jegliches hat seine Zeit‹. Er stammt aus dem Buch Prediger der Bibel, (Prediger 3, 1–8)
Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde. Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist, würgen und heilen, brechen und bauen, weinen und lachen, klagen und tanzen, Stein zerstreuen und Steine sammeln, herzen und ferne sein von Herzen, suchen und verlieren, behalten und wegwerfen, zerreißen und zunähen, schweigen und reden, lieben und hassen, Streit und Friede hat seine Zeit.
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Der Autor Axel Ressler, der vor seinem Umzug nach Brandenburg zu den Besuchern des Salons gehörte, hatte einen aktuellen Text geschickt, der gelesen wurde. Holger Leistner hat den Text in mehreren Arbeiten typographisch umgesetzt, von denen hier ein Ausschnitt gezeigt wird.
Plötzlich./Die Wächter haben´s übersehen,
Die Streife hat es ignoriert,
Rasen Kiefern durch Alleen,
Der Verkehr wird liquidiert.
Plötzlich.
Plötzlich.Die Spekulanten spekulierten,
Minister hielten Konferenz,
Fliegt Münchhausen übers Viertel
und verstört die Intelligenz.
Plötzlich.
Plötzlich.
Im Wartesaal die Exilanten,
Die Koffer scheuern ihr Gesäß,
Schleusen aus Trabanten,
die Papiere lauten “Siebenkäs”.
Plötzlich.

Virginia Woolfs Roman Orlando erzählt die Geschichte des englischen Adeligen Orlando, der im elisabethanischen Zeitalter als Mann lebt, fast vier Jahrhunderte lang kaum altert und sich nach einer langen Trance in Konstantinopel in eine Frau verwandelt. In dem Buch bilden Hunde und die Natur treue, unveränderliche Konstanten im Kontrast zu den Wirren der Zeit und dem geschichtlichen Wandel. Der Familiensitz Orlandos liegt in einem riesigen, wurzelhaften Park, dessen Blumen und Rosensträucher im Im Buch die natürliche, unverbogene Schönheit des Lebens repräsentieren.
Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss ist der Titel eines Romans von László Krasznahorkai. In ihm spielt eine im asiatischen Denken so ganz andere Vorstellung von Zeit eine Rolle, als wir sie ais der westlichen Zivilisation kennen.
Ein Kloster außerhalb von Kyotos gelegen, irgendwo hier müßte er sein, der schönste Garten der Welt. Seine Bauweise hat die Natur in Form gebracht, jedes Ding hat seinen Platz und seine wohlgeformte Gestalt eine Bedeutung an sich. Es eröffnet sich ein feiner, minutiöser Blick auf die Natur, auf Pflanzen, Wind und Vögel, wie auch auf die Architektur, auf Pagoden, Höfe, Terrassen. Unauffälliges in den Mittelpunkt zu rücken, die Bedeutung zu erkennen, die selbst dem scheinbar Zufälligen innewohnt, Schönheit im Alltäglichen aufzuspüren und das ordnende Prinzip im angeblichen Chaos zu benennen, all das leistet László Krasznahorkai bei seinem Ausflug in die japanische Landschaft und in Japans Ideen- und Gedankenwelt. Die Zeit wird in dem Buch nicht traditionell eingesetzt; sie wird verlangsamt und teilweise aufgehoben. Durch die detaillierte Wahrnehmung von Natur und Architektur entsteht der Eindruck einer zeitlosen Welt, in der die menschliche Vergänglichkeit der Dauerhaftigkeit der Natur gegenübersteht. Die lineare Zeit wird dabei durch eine eher zyklische Vorstellung von Zeit ersetzt.

Die Autorin Jenny Erpenbeck verarbeitet Im Roman Heimsuchung ihre Kindheitserinnerungen. Sie erzählt die Geschichte eines Hauses an einem märkischen See über fast ein ganzes Jahrhundert. Die Bewohner des Hauses erleben die Weimarer Republik, den NS-Staat, den Zweiten Weltkrieg, das Kriegsende, die DDR, die Friedliche Revolution 1989/90 und die folgenden Jahre. Auch in diesem Buch ist Natur eine Konstante, die in allen Zeitstufen erlebt wird; das zeigt sich u.a. in der Figur des Gärtners.
Die polnischen Zwangsarbeiter im Dorf erzählen, daß der Kartoffelkäfer längst die Oder überschritten hat und bereits dabei ist, Polen zu durchqueren. Im Sommer gießt der Gärtner zweimal täglich das Blumenbeet und die Zypresse auf der dem Sandweg zugewandten Seite des Hauses, ebenso die Rosen an der Terrasse zur Seeseite hin, und die Forsythiensträucher, den Flieder und die Rhododendren an der Umfassung der großen Wiese: einmal in aller Frühe und einmal bei Einbruch der Dämmerung. Er gewöhnt es sich an, Zigarre zu rauchen, um durch den Rauch die Bienen von sich fernzuhalten, wenn er auf der Schwelle des Bienenhauses sitzt und sich ausruht. Im Herbst harkt er das von der großen Eiche herabgefallene Laub zusammen und verbrennt es, er sägt die trockenen Äste der Kiefern ab, zersägt sie, spaltet die Stücke und stapelt die Scheite im Holzschuppen auf.

›Wie säh er aus, wenn er sich wünschen ließe?‹ fragt Erich Kästner in seinem Gedicht Der dreizehnte Monat
Wie säh er aus, wenn er sich wünschen ließe?
Schaltmonat wär? Vielleicht Elfember hieße?
Wem zwölf genügen, dem ist nicht zu helfen.
Wie säh er aus, der dreizehnte von zwölfen?
Der Frühling müßte blühn in holden Dolden.
Jasmin und Rosen hätten Sommerfest.
Und Äpfel hingen, mürb und rot und golden
im Herbstgeäst.
…
Es tickt die Zeit. Das Jahr dreht sich im Kreise.
Und werden kann nur, was schon immer war.
Geduld, mein Herz. Im Kreise geht die Reise.
Und dem Dezember folgt der Januar.

Nicht nur die Zeit in der Literatur war Thema des Salons. Auch die Veränderung der Definition der Zeit in den Naturwissenschaften wurde vorgestellt. Bis 1956 war die Sekunde als 1/86.400 eines mittleren Sonnentages definiert. Da die Erdrotation ist nicht vollkommen gleichmäßig ist, ergab sich daraus ein Problem, eine Unsicherheit. Deshalb wechselte man 1967 zur wesentlich präziseren Cäsium-Definition: ›Eine Sekunde ist die Dauer von 9.192.631.770 Perioden der Strahlung, die dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustands des Atoms Cäsium-133 entspricht.‹

Ion Tichy, die Hauptperson in Stanislaw Lems Roman Sterntagebücher ist in seiner Siebenten Reise allein unterwegs, als ein Meteorit seine Steuerung beschädigt. Er besitzt zwar Ersatzteile und Werkzeug, braucht aber eine zweite Person, die beim Reparieren hilft. Sein Raumschiff gerät in einen Gravitationsstrudel, wodurch sich Zeitabläufe überlagern. Das Ergebnis ist grotesk: Tichy trifft auf andere Versionen seiner selbst – Tichys aus unterschiedlichen Zeitpunkten bzw. Zeitlinien befinden sich gleichzeitig im selben Raumschiff. Die verschiedenen Tichys bilden jedoch kein harmonisches Team. Obwohl sie alle ›derselbe‹ Mensch sind, haben sie unterschiedliche Interessen, Erinnerungen und Vorstellungen davon, was zu tun ist. Sie geraten schließlich sogar körperlich aneinander. Das Vervielfältigungsmotiv in der Zeit gehört zu den interessantesten erkenntnistheoretischen Spielereien Stanisław Lems in seinen Büchern.
Im Buch Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams erfährt die Hauptperson Arthur Dent zu Beginn, dass sein Haus in einer englischen Kleinstadt abgerissen werden soll, weil an dieser Stelle eine Umgehungsstraße gebaut wird. Er erwacht vom Lärm einer Planierraupe, die auf das Haus zurollt. Er rennt nach draußen und legt sich vor dem Baufahrzeug auf den Boden. In dem Streitgespäch mit Mr. Prosser, dem Bauführer, weist dieser Dent darauf hin, daß er rechtzeitig Protest hätte einlegen können.
Mr. Prosser sagte: »Sie hatten ja durchaus das Recht, zu geeigneter Zeit Vorschläge und Proteste zu äußern.«
»Zu geeigneter Zeit?« schimpfte Arthur. »Zu geeigneter Zeit? Zum erstenmal habe ich was davon gehört, als gestern ein Arbeiter bei mir aufkreuzte. Ich fragte ihn, ob er zum Fensterputzen gekommen wäre, und er sagte, nein, er sei gekommen, um das Haus abzureißen. Natürlich hat er mir das nicht gleich gesagt. Nein, erst hat er ein paar Fenster geputzt und auch noch fünf Pfund dafür verlangt. Dann erst hat er's mir gesagt.«
»Aber Mr. Dent, die Pläne lagen die letzten neun Monate im Planungsbüro aus.«
»O ja. Als ich davon hörte, bin ich gestern nachmittag gleich rübergegangen, um sie mir anzusehen. Man hatte sich nicht gerade viel Mühe gemacht, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Ich meine; daß man's jemandem gesagt hätte oder so.«
»Aber die Pläne lagen aus ...«
»Lagen aus? Ich mußte schließlich erst in den Keller runter ...«
»Da werden sie immer ausgehängt.«
»Mit einer Taschenlampe.«
»Tja, das Licht war wohl kaputt.«
»Die Treppe auch.«
»Aber die Bekanntmachung haben Sie doch gefunden, oder?«
»Jaja«, sagte Arthur, »ja, das habe ich. Ganz zuunterst in einem verschlossenen Aktenschrank in einem unbenutzten Klo, an dessen Tür stand Vorsicht! Bissiger Leopard!«
Dents Freund, Ford Prefect, kommt hinzu und sagt ihm, daß ein wesentlich größeres Problem bestehe. Die gesamte Erde soll in wenigen Minuten durch eine Raumschiff-Flotte von Vogonen zerstört werden, um Platz für eine Expressroute durch as Sonnensystem zu schaffen. Wenige Seiten später ereignet sich folgendes.
»Hier spricht Prostetnik Vogon Jeltz vom Galaktischen Hyperraum-Planungsrat«, fuhr die Stimme fort. »Wie Ihnen zweifellos bekannt sein wird, sehen die Pläne zur Entwicklung der Außenregionen der Galaxis den Bau einer Hyperraum-Expressroute durch Ihr Sternensystem vor, und bedauerlicherweise ist Ihr Planet einer von denen, die gesprengt werden müssen. … »Es gibt überhaupt keinen Grund, dermaßen überrascht zu tun. Alle Planungsentwürfe und Zerstörungsanweisungen haben fünfzig Ihrer Erdenjahre lang in Ihrem zuständigen Planungsamt auf Alpha Centauri ausgelegen. Sie hatten also viel Zeit, formell Beschwerde einzulegen, aber jetzt ist es viel zu spät, so ein Gewese darum zu machen.« …
Währenddessen mußte irgendwo irgend jemand eine Radiostation besetzt, die richtige Frequenz gefunden und eine Botschaft an die vogonischen Raumschiffe gesendet haben, um sich für den Planeten einzusetzen. Niemand hörte jemals, was gesagt wurde, man hörte nur die Antwort. Der gewaltige Endverstärker erwachte wieder zum Leben. Die Stimme war gereizt. Sie sagte:
»Was soll das heißen, Sie sind niemals auf Alpha Centauri gewesen? Ja du meine Güte, ihr Erdlinge, das ist doch nur vier Lichtjahre von hier. Tut mir leid, aber wenn Sie sich nicht einmal um Ihre ureigensten Angelegenheiten kümmern, ist das wirklich Ihr Problem.

Jean Paul erzählt im Buch Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal vom armen Schulmeister, der trotz seines einfachen Lebens durch seine Fantasie, seine selbstgeschriebenen Bücher und seine Liebe zu Justina glücklich ist. Schon der Beginn des Textes ist ein Rückblick auf das erfüllte Leben des Wutz.
Nachher aber soll ordentlich a priori angefangen und mit dem Schulmeisterlein langsam in den drei aufsteigenden Zeichen der Alterstufen hinauf und auf der andern Seite in den drei niedersteigenden wieder hinab gegangen werden – bis Wutz am Fuß der tiefsten Stufe vor uns ins Grab fällt.
Ich wollte, ich hätte dieses Gleichnis nicht genommen. Sooft ich in Lavaters Fragmenten oder in Comenii orbis pictus oder an einer Wand das Blut- und Trauergerüste der sieben Lebens-Stationen besah – sooft ich zuschauete, wie das gemalte Geschöpf, sich verlängernd und ausstreckend, die Ameisen-Pyramide aufklettert, drei Minuten droben sich umblickt und einkriechend auf der andern Seite niederfährt und abgekürzt umkugelt auf die um diese Schädelstätte liegende Vorwelt – und sooft ich vor das atmende Rosengesicht voll Frühlinge und voll Durst, einen Himmel auszutrinken, trete und bedenke, daß nicht Jahrtausende, sondern Jahrzehende dieses Gesicht in das zusammengeronnene zerknüllte Gesicht voll überlebter Hoffnungen ausgedorret haben ... Aber indem ich über andre mich betrübe, heben und senken mich die Stufen selber, und wir wollen einander nicht so ernsthaft machen!

Es kommen härtere Tage. heißt es in dem Gedicht von Ingeborg Bachmann. Ein Text, der wieder aktuell ist, allzu aktuell – bedrohliche Zukunft, das Ende einer scheinbar sicheren Gegenwart.
Die gestundete Zeit
Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.
Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!
Es kommen härtere Tage.
An den Schluß des Rückblicks auf den Salon sei noch einmal auf Thomas Mann verwiesen. In seinem Roman Dr. Faustus stellt Serenus Zeitblom, der Ich-Erzähler des Buches, folgende Überlgungen an.
»Die Sonne«, die so wenig den bestimmten Artikel verdiente, ein auf seiner Oberfläche 6000 Grad heißer Gasball von mäßigen anderthalb Millionen Kilometern im Durchmesser, sei vom Mittelpunkt des galaktischen Innenplanes ebenso weit entfernt, wie dieser dick sei, nämlich 30 000 Lichtjahre.
Meine allgemeine Bildung erlaubte mir, mit diesem Wort ›Lichtjahr‹ einen ungefähren Begriff zu verbinden. Es war, versteht sich, ein räumlicher Begriff, und das Wort bezeichnete die Strecke, die das Licht im Lauf eines ganzen Erdenjahres zurücklegt – bei einer ihm eigenen Geschwindigkeit, von der ich eine vage Vorstellung hegte, die aber Adrian exakt als 297 600 Kilometer per Sekunde im Kopfe hatte. Damit kam ein Lichtjahr auf gut und gern 9,5 Billionen Kilometer zu stehen, und auf dreißigtausendmal soviel belief sich also die Exzentrizität unseres Solarsystems, während der Gesamtdurchmesser der galaktischen Hohlkugel 200 000 Lichtjahre betrug.
Nein, er war nicht unermeßlich, aber so war er zu bemessen. Was soll man auf einen solchen Angriff auf den Menschenverstand sagen? Ich bekenne, so geartet zu sein, daß mir nichts als ein verzichtendes, aber auch etwas verächtliches Achselzucken übrigbleibt für das Unrealisierbar-Überimposante. Bewunderung der Größe, Enthusiasmus für sie, ja Überwältigtsein von ihr, ein seelischer Genuß ohne Zweifel, ist nur möglich in faßlich-irdischen und menschlichen Verhältnissen. Die Pyramiden sind groß, der Montblanc und das Innere des Petersdomes sind groß, wenn man dies Attribut nicht überhaupt lieber der moralischen und geistigen Welt, der Erhabenheit des Herzens und des Gedankens vorbehalten will. Die Daten der kosmischen Schöpfung sind ein nichts als betäubendes Bombardement unserer Intelligenz mit Zahlen, ausgestattet mit einem Kometenschweif von zwei Dutzend Nullen, die so tun, als ob sie mit Maß und Verstand noch irgend etwas zu tun hätten. Es ist in diesem Unwesen nichts, was meinesgleichen als Güte, Schönheit, Größe ansprechen könnte, und nie werde ich die Hosianna-Stimmung verstehen, in die gewisse Gemüter durch die sogenannten ›Werke Gottes‹, sofern sie Weltphysik sind, sich versetzen lassen. Ist überhaupt eine Veranstaltung als Gottes Werk anzusprechen, zu der man ebensogut ›Wenn schon‹ wie ›Hosianna‹ sagen kann? Mir scheint eher das erste als das zweite die rechte Antwort zu sein auf zwei Dutzend Nullen hinter einer Eins oder auch hinter einer Sieben, was schon gleich nichts mehr ausmacht, und keinerlei Grund kann ich sehen, anbetend vor der Quinquillion in den Staub zu sinken.
Eine Anzahl weiterer Texte, Auszüge, Fragmente und Schnipsel wurden vorgestellt.
Das Thema des nächsten Salons wird Spielzeug sein.