Der Tag begann morgens mit lange erwarteten kleinen Schauern. Das Wetter im August 2025 war viel zu trocken und zu heiß. Die Natur konnte einen erfrischenden Landregen gut gebrauchen. Am Nachmittag des 30. August jedoch klarte der Himmel auf und der Literarische Salon zum Thema ›Regen‹ fand bei angenehmen Temperaturen und Sonnenschein statt. 

Die Idee, sich mit dem Regen zu beschäftigen, wollte mit der Vorstellung vom schlechten Wetter aufräumen und sich vielmehr dem Regen zuwenden, der als glückliche Erfahrung empfunden wird. Regen, in dem die Kinder spielen und in Pfützen stapfen. Da paßte es, mit dem Buch Das wahre Glück des Lebens von Christian Signol zu beginnen. Signol verbindet in ihm Gegenwart, Vergangenheit und Kindheitserinnerungen zu einem großen Ganzen und nimmt uns mit auf eine Reise durch die Schönheiten der Natur. Die Kapitelüberschriften lauten z.B. Das Wasser, Die Steine, Die Bäume, Der Tau, Der Regen. »... Regen im Herbst. Er ist schwer und warm und scheint die während der langen Sommermonate gespeicherte Hitze auf die Weinberge zu gießen. Eine Wärme, die vom Himmel und von den Wolken kommt, von den schönen Tagen und den kurzen Nächten ...«

 

Welch erstaunliche sprachliche Vielfalt zur Verfügung steht, Natur und Regen zu beschreiben, verdeutlichten Acht Arten, den Regen zu beschreiben, entnommen dem Alten Testament. Weiter ging es mit einem Regengedicht ›November‹ von Bruno Horst Bull aus dem von James Krüss herausgegebenem Buch So viele Tage, wie das Jahr hat – 365 Gedichte für Kinder und Kenner

 

Im Sommer von Karl Ove Knausgård ist der vierte und letzte Teil einer grandiosen Liebeserklärung an das Leben und die sinnlich erfahrbare Welt - geschrieben von einem Vater für seine jüngste Tochter. Er schreibt über Wassersprenger und Schnecken, Rote Johannisbeeren und Tränen, über Weidenröschen, Marienkäfer und über den Regen. Und auch in Juli Zehs Roman Über Menschen regnet es. »Regen fällt. Er wird, während Dora Kaffee trinkt, sogar noch stärker. Sie steht am Fenster und denkt, dass es schön ist, mit einer Tasse in der Hand in den Regen zu schauen und ein bisschen zu frieren. Es bedeutet, dass man am Leben ist … «

 

Neben den literarischen Texten stehen sachliche Informationen aus der Naturwissenschaft – aber auch speziellen Interessenschwerpunkten wird nachgegangen, so zu Regen als Thema in der Popmusik. ›I’m singing in the rain …‹

 

Darüberhinaus tauchen gute alte Bekannte aus vergangenen Literarischen Salons wieder auf. Günter Bruno Fuchs schrieb das Gedicht Unterwegs. »Der Mann mit dem Hund im Regen. | Der Hund bewacht einen durstigen Mann. | Der Hund sieht sich den Regen an. | Der Mann spricht mit dem Regen. || Der Mann bleibt stehn und hört aufs Wort. | Der Hund geht durch den Regen fort.« Regenwetter inspirierte auch

Mascha Kaléko: Es regnet

Es regnet Blümchen auf die Felder,
es regnet Frösche in den Bach.
Es regnet Pilze in die Wälder,
es regnet alle Beeren wach!

Der Regen singt vor deiner Türe,
komm an das Fenster rasch und sieh:
Der Himmel schüttet Perlenschnüre
aus seinem wolkigen Etui.

Vom Regen duften selbst die Föhren
nach Flieder und nach Ananas.
Und wer fein zuhört, kann das Gras
im Garten leise wachsen hören.

 

Der Roman von Wilhelm Genazino, Ein Regenschirm für diesen Tag, trägt den Regen schon in seinem Titel. »Zu uns kommen Menschen, antworte ich unsicher und gleichzeitig routiniert, die das Gefühl haben, dass aus ihrem Leben nichts als ein langgezogener Regentag geworden ist und aus ihrem Körper nichts als der Regenschirm für diesen Tag.«

Die Erzählung von einem sintflutartigem Regen im Gilgamesch-Epos ist eine der ältesten überlieferten Flutmythen und hat auffällige Parallelen zur biblischen Noah-Geschichte. Die Sintflut wird von den Göttern geschickt, weil der Lärm der Städte der Menschen die Götter stört. Sie ist also ein Akt göttlicher Strafe, aber auch eine Art Neubeginn. Gleichzeitig betont die Geschichte die Willkür und Unberechenbarkeit der Götter, da der Gott Enlil die Auslöschung der Menschen beschließt, während der Gott Enki Mitleid zeigt.

 

In Theodor Storms Märchen Die Regentrude herrscht große Dürre, weil die Regentrude eingeschlafen ist und der Feuermann sein Unwesen treibt. Die jungen Leute Maren und Andrees machen sich auf den Weg, um die Regentrude zu wecken – und mit dem Regen kehren Fruchtbarkeit und Leben zurück.

Günter Grass, Laudatio zur Verleihung des Fontane-Preises an Arno Schmidt 1964: »Seine Erzählungen – ›Brand's Haide‹, ›Die Umsiedler‹ oder ›Aus dem Leben eines Fauns‹ – verführen, mit ihm und seinem alles einbeziehenden Wetterbericht spazieren zu gehen. Ich kenne keinen Schriftsteller, der den Regen so abgehorcht, dem Wind so oft Widerrede geboten und den Wolken so literarische Familiennamen verliehen hat.« Im Salon belegt das ein Auszug aus Seelandschaft mit Pocahontas.

Das Wetter vor 15 Jahren von Wolf Haas – wie wird es wohl gewesen sein? Der für die Handlung entscheidende Tag bringt Regen. Und was für einen Regen; ein furchterredendes Gewitter zieht auf in den Alpen.

Zwischen all diesen Regen und Wettern stärken sich die Besucher des Salons mit einem herzhaften Ratatouille aus dem mit Holzkohle befeuerten Eintopf-Ofen.

 

Damit geht der Literarischen Salon in die Herbst-/Winterpause. Im nächsten Jahr wird der erste Salon sich dem Thema Düfte widmen.